Ich scheitere also bin ich.

Täglich scheitere ich.

 

Täglich will ich nicht mit meinen Kindern meckern.

Täglich will ich die Karotte der Schokolade vorziehen.

Täglich will ich das Smartphone weniger nutzen,

ordentlicher sein,

Verabredungen einhalten,

Rechnungen vor der ersten Mahnung bezahlen,

früher schlafen gehen und, und, und …

Täglich scheitere ich.

 

Warum nur? Ganz einfach: Ich habe noch nicht den richtigen Ratgeber gefunden.

 

Wieder einmal stehe ich in der Buchhandlung und suche nach Mister Right unter den Selbsthilfebüchern. Dieses Mal, die Buchhandlung ist heute der Bahnhofskiosk, fällt mein Blick auf einen neuen Ableger des Spiegelmagazins. Nicht in alarmierendem Rot kommt er daher, sondern in einem beruhigenden Blau. „Spiegel Coaching“ heißt er und im Untertitel wird mit sechs Trainingsprogrammen geworben, mit denen ich – So steht es wirklich da! – mein Leben managen kann (Spiegel Coaching, Ausgabe 1/2019). Vier der sechs Trainingsprogramme beschäftigen sich interessanterweise, aber nicht überraschend, mit der Optimierung des Körpers: mehr bewegen, jung bleiben, richtig essen und natürlich auch eine Anleitung wie man richtig NICHT isst, nämlich erfolgreich fastet. Auch bei den restlichen beiden Coachings geht es mehr oder weniger um eine bessere Außenwirkung: souverän sein und fair streiten.

 

Ich bin versucht, diese Ausgabe, die da vor mir hingestreckt liegt und lockt, zu kaufen. Der Arm ist schon ausgefahren, die Hand in Greifposition gebracht, der Preis schreckt mich ein bisschen ab, aber nur ein bisschen. Was mich an diesem Tag wirklich zurückhält, ist ein anderes Lebenstrainingsprogramm, das gerade auf meiner Agenda steht und das man mit dem Titel „minimalistischer leben, weniger anhäufen“ überschreiben könnte. Ob es sich von den anderen Programmen so stark unterscheidet, wage ich zu bezweifeln, wohnt ihm doch auch dasselbe Versprechen inne: ein besseres Leben. Und ein besseres Leben ist anscheinend organisierter, fitter, streitloser und, und, und.

 

Jedes Mal, wenn ich das Versprechen eines besseren Lebens nicht einhalte, habe ich das Gefühl, gescheitert zu sein. Ein kleines Scheitern, sicherlich, aber wir wissen ja wie das ist mit dem Kleinvieh und dem Mist. Andererseits beschleicht mich aber auch manchmal das ungute Gefühl, dass wir heutzutage mit all den unzähligen Möglichkeiten der Selbst- und Lebensverbesserung, mit all den vorgedruckten To-do-Listen und Abhak-Tagebüchern, die Wahrscheinlichkeit zu scheitern noch erhöhen. Oder in den Worten der Leiterin eines Zeitmanagement-Seminars, die sie ihren Tools und Techniken vorausschickte: „Sie müssen davon ausgehen, dass alles, was wir heutzutage schaffen müssen, ohnehin nicht zu schaffen ist.“ Das gab mir damals, als ich an dem Seminar teilnahm, den Anflug einer Beruhigung, das gute Gefühl, es liegt nicht an mir. Ich bin aber ein Mensch, kam es mir beim weiteren Nachdenken in den Sinn, und damit offiziell ein Teil der Menschheit, die sich die Welt derart zugepackt hat, dass sie ihr nicht mehr gerecht werden kann. Es liegt also doch auch irgendwie an mir. Und da sie wieder - diese Unruhe. Und anstatt mich mit einem neuen Ratgeber, so sehr ich sie auch schätze, oder einer horizontalen statt vertikalen To-do-Liste zu betäuben, wollte ich doch mal den vermeintlichen Teufel bei den Hörnern packen und mir das Scheitern an sich näher anschauen.

 

Das Wort scheitern kommt, wie vielleicht schon mancher erahnt, von dem Wort Scheit im Sinne eines Holzscheites oder –stückes. Zu Zeiten, als Schiffe noch aus Holz gebaut wurden, fand das Verb Eingang in die Sprache der Seefahrer. Würde man heute sagen, dass ein Schiff an einem Fels oder Eisberg zerschellt, sagte man früher zerscheitert. Die Vorsilbe zer- hat sich dann irgendwann verflüchtigt, weshalb sie mein Rechtschreibprogramm auch nicht erkennt. Scheitern bedeutete demnach in Stücke gehen. Das einst so prachtvolle Schiff war in einzelne Holzscheite zerbrochen, die bestenfalls noch als Brennholz auf dem Scheiterhaufen Verwendung finden konnten.

 

Es lässt sich heute leider nicht mehr nachvollziehen, wann der Übergang vom zerscheiterten Schiff zum gescheiterten Ziel oder Plan vonstattenging. Dennoch ist, wie ich finde, in dem Wort scheitern bis heute etwas von seiner einstigen Bedeutung aufbewahrt. Diese Bedeutung ganz ernst zu nehmen, ihr als Spur nachzugehen und Scheitern als ein In-Stücke-Gehen zu verstehen, hat mich in ganz neue Gefilde geführt. 

 

Übertrage ich nämlich die ursprünglich materielle Bedeutung eins zu eins auf die geistige, nehme ich also das Wort beim Wort, dann bin ich das Schiff, das an einem Eisberg oder einem Fels scheitert. Links vom Verb haben wir also ein Ich und rechts ein Etwas. Ich und die Welt und dazwischen ein Geschehnis. Daraus ergeben sich zwei Fragen: Erstens, wer oder was ist dieses Ich, das scheitert? Zweitens, woran genau scheitert es, also wer oder was ist verdammt noch mal dieser Eisberg?

 

Zunächst zum Ich: Schon der Titel des Buches „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ von Deutschlands bekanntestem Fernsehphilosophen Richard David Precht verspricht mir ein paar Antworten auf meine Frage zu geben. Die weitere Lektüre legt mir dann tatsächlich nahe, dass wir schon durch die Art und Weise, wie wir das ICH denken, zum Scheitern verurteilt sind. Wir denken es nämlich als eine Einheit, als etwas Ganzes und oft sogar Festes, Statisches. Viele Hirnforscher gehen mittlerweile jedoch, laut Precht, davon aus, dass es dieses eine Ich gar nicht gibt. Stattdessen sprechen sie von vielen verschiedenen Ich-Zuständen, wie zum Beispiel das Körper-Ich, das Verortungs-Ich, das moralische Ich, das autobiografische Ich usw. Dennoch, so hält Precht dem entgegen, erleben wir uns als ein Ich: „Die alte Vorstellung, dass der Mensch von einem Supervisor namens Ich geistig zusammengehalten wird, ist nicht widerlegt. Dieses Ich ist eine komplizierte Sache, es lässt sich mitunter in verschiedene Ichs zerlegen, aber es ist gleichwohl so etwas wie eine gefühlte Realität, die sich naturwissenschaftlich nicht einfach erledigen lässt.“ (Richard David Precht, Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?)

 

Erinnern wir uns noch einmal, dass scheitern in Stücke gehen bedeutet. Vielleicht scheitern wir auch einfach nur daran, unsere vielen verschiedenen Ich-Zustände unter das gemeinsame Dach einer ganzheitlichen Ich-Idee zu bringen. Eine Freundin von mir sprach vor vielen Jahren mal von ihrem schwachen Abend-Ich und bis heute mag ich diese Bezeichnung, weil sie mir als Zustand nur allzu gut vertraut ist. Die Pläne, ordentlicher zu werden und mehr Karotten zu essen, macht doch eher unser fittes Morgen-Ich, oder? Vielleicht liegt der Fehler wie in jeder misslungenen Kommunikation darin, dass das Abend-Ich sich nicht genug gesehen fühlt. Vielleicht können wir zwischen den zerstückelten Ich-Zuständen und der einheitlichen Vorstellung von unserem Ich einen Kompromiss finden. Diesen würde ich dann Verbundenheit nennen wollen. Um sie herzustellen, bedarf es vielleicht einfach nur einer besseren Kommunikation. Ich stelle mir das so vor: Wenn das fitte Morgen-Ich mal wieder seine Pläne macht, müsste es vielleicht öfter mal mit einbeziehen, was das schwache Abend-Ich dazu sagen würde: „Denk daran, dass ich eher ein müder Geselle bin und nicht so fit und munter wie du. Die meisten Aktivitäten erledige ich gerne von der Couch aus.“ Dann könnte sich noch das Gewohnheits-Ich einschalten und dem Morgen-Ich folgenden Rat mit auf den Weg geben: „Wenn du den Plan auf zehn Minuten Yoga am Abend reduzierst, anstatt einer Stunde, dann könnte ich besser mit dem Abend-Ich in Verhandlungen treten. Es würde sich dann nicht vollkommen übergangen fühlen.“ Schwupps, wäre mit ein bisschen mehr Nachsicht wieder eine Verbindung hergestellt. Scheitern, also in Stücke gehen, hieße dann, dass ein bestimmter vernachlässigter Ich-Zustand gerade unsere ganze Aufmerksamkeit fordert und wir sie ihm auch geben sollten, damit es sich wieder als integrativer Bestandteil unserer Ich-Idee, oder, um unsere Metapher wieder ins Spiel zu bringen, unseres Schiffes fühlt.

 

Haben wir damit die zweite Frage, woran wir scheitern, im Grunde nicht auch schon beantwortet? Nicht ganz.

 

Aus naturwissenschaftlicher Perspektive ist nämlich Scheitern das normalste von der Welt bzw. sogar vom Weltall, während die Frage nach dem Gelingen immer noch unbeantwortet bleibt. Wie ist das nun wieder zu verstehen? Gelungen ist das Leben, indem es sich vor ungefähr 13,8 Milliarden Jahren aus einer Verbindung von Materie und Energie zu Atomen zusammenfand, die sich wiederum zu Molekülen verbanden, aus denen dann Organismen wurden, von denen wir einige, nicht gerade die Prototypen, heute Homo sapiens nennen. Wie das genau passierte, ist, wie gesagt, bis heute ein Rätsel. Fakt ist jedoch, dass sich dieses Leben einem nicht unerheblichen Gesetz des Universums beharrlich entzieht. Man könnte es tatsächlich als das Gesetz des Scheiterns bezeichnen. Das Universum geht nämlich so gesehen fortlaufend in Stücke. Habe ich als kleines Menschlein das Ziel, ordentlicher zu werden, macht mir das Universum da gehörig und fortlaufend einen Strich durch die Rechnung. Es strebt danach das Maß an Unordnung konstant zu erhöhen. Dieses Phänomen nennt man Entropie oder auch den zweiten Satz der Thermodynamik. Es ist unter anderem dafür verantwortlich, dass die kalte Milch den heißen Kaffee abkühlt und nicht umgekehrt und dass das aufgeräumte Kinderzimmer meiner Söhne, wenn man es ihnen überlässt, sich in Nullkommanix in das absolute Chaos verwandelt. So wie man die Milch und den Kaffee in einem Topf warmhalten, also mit Energie versorgen müsste oder das Kinderzimmer meiner Söhne unter großer Anstrengung immer wieder aufgeräumt werden muss, wendet das Leben enorme Kräfte auf, um sich als System in Form von Lebewesen selbst zu erhalten. „Alle Wesen bestehen zuinnerst aus dem Gefühl, wie es ist, sich im Blühen gegen die Trägheit der bloßen Materie zu behaupten.“, bringt es der Biologe und Philosoph Andreas Weber auf den Punkt.  (Andreas Weber, Minima Animalia)

 

Auch unser Körper-Ich muss, um sich der Entropie zu widersetzen, seinen Vereinsmitgliedern permanent Energie zuführen. Dies tut es durch Nahrungsaufnahme, aber auch durch Schlaf bzw. Ruhephasen. Der Körper scheitert während des gesamten Lebens also nie. Er unterliegt dann der Entropie, wenn er stirbt. Ein ganzes Leben lang schafft er es aber, sich ihr zu entziehen. Und er schafft das sogar, obwohl wir ihn jahrelang aufgrund unserer überspannten Vorstellungen ausbeuten, zu wenig schlafen, zu wenig, zu viel, zu ungesund essen, rauchen, ihn kaum bewegen. Er schafft es sogar, die Ordnung aufrechtzuerhalten, obwohl wir die frische Waldluft größtenteils gegen die Büroluft oder die Autoabgasstadtluft eingetauscht haben. Was für ein starkes Wundertier ist doch unser Körper und was für ein schwaches Etwas ist doch im Vergleich dazu unser Geist, der bei der kleinsten Planänderung schon anfängt zu winseln und von Scheitern spricht.

 

Nun wollen wir den Geist jetzt aber auch nicht ganz so schlecht machen. Die Fähigkeit Zusammenhänge herzustellen, einzelne Sinneswahrnehmungen zu einer Erfahrung zu bündeln und diese dann auch noch mit Bedeutung aufzuladen, ist auch nicht von schlechten Eltern. Das große Ganze im Blick zu haben hilft uns natürlich, uns durch das Leben mit all seinen entropischen Gefahren hindurchzunavigieren. Letztlich könnte man die Tatsache, dass der Geist Geschichten erfinden kann, auch als einen Widerstand gegen die Entropie bezeichnen. In Geschichten bringen wir unsere Erfahrungen in Ordnung und verleihen ihnen Sinn.

 

Dafür, dass wir unsere Erfahrungen in Form von Geschichten ordnen können, ist noch lange vor unserem Geist auch wiederum die Entropie verantwortlich. Sie sorgt nämlich dafür, dass, so paradox es auch klingen mag, überhaupt etwas geschieht. (Das Wort „Geschichte“ kommt übrigens von „Geschehen“, aber das gehört in einen anderen Blogartikel.) „Letztlich ist die niedrige Entropie am Anfang des Universums auch die Vorbedingung dafür, dass sich überhaupt Dinge in eine Richtung entwickeln (nämlich in Richtung der Entropiezunahme), dass wir Ressourcen nutzen können und dass geordnete Strukturen und Leben überhaupt möglich sind.“ (https://scilogs.spektrum.de/das-zauberwort/entropie-und-information-treibstoff-des-universums/) Übersetzt heißt das, dass das, was unser Geist als Scheitern deutet, dafür verantwortlich ist, dass wir Geschichten haben. Und es ist immer noch die Mindestanforderung an eine Geschichte, dass der Leser dazu gebracht werden muss, die Seite umzublättern.

 

Im Prinzip machen Geist und Körper (diese Trennung ist meiner Meinung ja sowieso nur begrifflicher Natur) genau dasselbe: sie halten etwas zusammen, was die ganze Zeit bestrebt ist, auseinanderzudriften. Vielleicht ist das Scheitern, das In-Stücke-Gehen, so verstanden gerade der Motor für uns, überhaupt etwas zusammenhalten zu wollen, Vorstellungen zu entwickeln, die sich dem entgegenstellen. Was täten wir ohne das Scheitern? Wenn alles schon immer ganz und funktionierend wäre. Nicht auszudenken! Also andersherum: Geschichten, Identitäten, Vorstellungen von Einheit, Ganzheit, Vollkommenheit entstehen als Widerstand zum natürlichen Scheitern, was die geistige Interpretation von Entropie ist. Hätten wir das Scheitern nicht, würde all das nicht existieren.

 

Kommen wir noch einmal auf den eingangs erwähnten Coaching-Ableger des Spiegelmagazins zurück: gegen mehr Bewegung, richtiges Essen und zeitweise fasten ist ja gar nichts einzuwenden. Das Ziel, mein Leben dadurch besser managen zu können und alles im Griff zu haben, finde ich allerdings fragwürdig. Vielmehr möchte ich mein Bewusstsein dafür verfeinern, dass wir mit jedem Schritt, den wir mehr tun, mit jedem gesunden Bissen, der unseren Körper mit Energie versorgt, daran Anteil haben, dass dieses kostbare Leben entsteht, sich erhält und fortführt.

 

Am Ende kann es also heißen: ich scheitere, ja, ich gehe in Stücke, also setze ich mich wieder zusammen.